Am 3. Mai 2011 veranstaltete Amnesty International in den Räumen des Evangelischen Frauenbegegnungszentrums in Frankfurt am Main eine Pressekonferenz zur Lage der Menschenrechte in Iran. Ein ausführlicher Bericht dazu wird demnächst auf der Webseite des Initiators Helmut Gabel (IOPHRI) erscheinen. Einen der Beiträge der fünf ReferentInnen veröffentlichen wir vorab mit der freundlichen Genehmigung der Rednerin Khadijeh Moghaddam in der deutschen Übersetzung von Susanne Baghestani.

Redebeitrag von Khadijeh Moghaddam, Gründerin der „Mütter vom Laleh-Park“ und Mitbegründerin der 1-Million-Unterschriftenkampagne

Die heutigen Mütter Irans sind die Mädchen und Teenager der Pahlavi-Zeit, die ihre besten Jugendjahre dem Kampf gegen die Schah-Diktatur und der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung gewidmet hatten, damit ihre Kinder in einer freien, gerechten Umgebung aufwachsen könnten. Sie erduldeten Gefängnis, Folter und viele Benachteiligungen, und spielten eine wichtige Rolle beim Sieg der Revolution. Leider wurden aber die Ideale der Revolution verraten, so dass den Freiheitkämpferinnen nur wenig später Haft, Folter und Hinrichtungen zuteilwurden. Und jetzt, nach 32 Jahren, sind unsere Kinder unter weit schwierigeren Umständen getötet oder inhaftiert worden.

Der Iran-Irak-Krieg wie auch die Massenhinrichtungen in den Gefängnissen haben viele iranische Mütter in Trauer zurückgelassen. Noch immer brennt der Kummer über die Massenhinrichtungen der besten Söhne und Töchter des Volkes im Jahr 1988 in ihren Herzen, und das beängstigende Schweigen der Welt angesichts dieses Verbrechens ist nicht vergessen. Seit Jahrzehnten trauern die Mütter und erhalten meist keine Erlaubnis, angemessene Trauerfeiern für ihre Kinder abzuhalten.  An den Jahrestagen der Massenhinrichtungen, das heißt der nationalen Katastrophe von Khavaran, werden die Mütter und Familien am Massengrab der Opfer der 1980er Jahre von Geheimdienstagenten bedroht, gequält oder sogar verhaftet. Das Regime erlaubt nicht einmal Trauerfeiern in den Wohnungen der Mütter und Ehefrauen der Opfer.

Die sogenannten Mütter der Opfer von Khavaran halten seit 30 Jahren ihre Anklage standhaft aufrecht, nicht aus Rache, sondern um der Gerechtigkeit willen: Aufgrund welcher Verbrechen habt ihr unsere Kinder getötet?

Die besten Schriftsteller, Dichter und Intellektuellen Irans wurden entführt oder in ihren eigenen Wohnungen brutal ermordet. Darunter Parvaneh Forouhar als Vorbild aller iranischen Mütter und Frauen, die auf bestialische Weise getötet wurde. Bis heute hat keiner der Verantwortlichen das Klagegesuch ihrer Angehörigen beantwortet.

Und nun ist, zwei Jahre nach der 10. Präsidentschaftswahl, das Leben der Menschen, die lediglich weiter gegen die Ergebnisse dieser Wahl protestieren, in Gefahr. Sie sind auf die Hilfe der Menschen weltweit und die der Menschenrechtsorganisationen angewiesen.

Seither hat man zig unschuldige und wehrlose Jugendliche wie Neda (Agha Soltan) oder Sohrab (Araabi) getötet, zahllose von ihnen wurden verhaftet, gefoltert und vergewaltigt.

Eine Reihe unserer Kinder ist spurlos verschwunden; andere, die durch Schüsse der Regierungsbeamten schwer verletzt oder gelähmt worden sind, fährt man in Rollstühlen zu Verhören und Gerichtsverhandlungen und malträtiert sie. Auch ihre Familien hat man zum Schweigen gezwungen.

Viele unserer Kinder werden wegen ihrer sexuellen Orientierung verhaftet oder sogar hingerichtet; in der Islamischen Republik gibt es offiziell keine Homosexuellen.

Wir Mütter vom Laleh-Park, die nach den jüngsten Ereignissen Gerechtigkeit fordern, sind die Mütter aller getöteten, verschwundenen, verletzten und inhaftierten Kinder Irans. Solange wir leben, werden wir unsere Forderungen mit Nachdruck vertreten. Nach unserer Auffassung sind Hinrichtungen organisierte Morde, und wir lehnen jegliche Form von Tötung, seien es Steinigung oder Blutrache, ab.

Wir fordern, dass sämtliche politische Gefangene und Gesinnungsgefangene freigelassen und dass die Auftraggeber und Ausführenden der Hinrichtungen in der Islamischen Republik zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Mütter vom Laleh-Park haben sich vor rund zwei Jahren in der Woche nach den Wahlen durch einen Aufruf an einige in der Frauenbewegung aktive Mütter formiert und organisiert und sind von Anfang an bedroht worden. Manche von ihnen wurden verhaftet, sie fordern aber weiter Gerechtigkeit, nicht nur in Iran, sondern auf der ganzen Welt.

Das Regime der Islamischen Republik  hat seitdem mehr als 100 Mütter inhaftiert und einige von ihnen in Scheinprozessen zu hohen Haftstrafen verurteilt. Vor einigen Tagen wurden die Ärztin Dr. Leyla Seifollahi und die Dichterin und Künstlerin Jila Makwandi lediglich deshalb zu 4 Jahren Haft verurteilt, weil sie sich mit den Müttern der Protestopfer solidarisiert hatten.

Akram Neghabi, deren Sohn Said Zeynali vor 12 Jahren vor ihren Augen verhaftet wurde, und die seither keine Nachricht mehr von ihm hat, wurde verhaftet, wegen ihrer Forderung nach Gerechtigkeit monatelang im Gefängnis gehalten und bis zu ihrem Prozess auf Kaution freigelassen.

Jila Mahdavian, deren 18-jährigen Sohn Hessam Termessian nach einem Jahr Haft krank aus dem Gefängnis entlassen hatte, wurde festgenommen und monatelang in Einzelhaft gehalten, damit sie zu den Verbrechen des Regimes schweigt.

Hadjar Rostami, die Mutter von Neda Agha Soltan, deren Ermordung die ganze Welt mit angesehen hat, und die zurecht als Symbol aller freiheitsliebenden jungen Iranerinnen gilt, wird stundenlang verhört undbedroht, damit sie schweigt.

Man überfällt die Wohnung von Hadjar Rostami, der Mutter des Protestopfers Sohrab Araabi, um sie zum Schweigen zu bringen, wir Mütter werden aber nicht schweigen und überall auf der Welt nur noch lauter Gerechtigkeit fordern.

Im Augenblick sind Mütter in Haft, denen die minimalsten Gefangenenrechte verweigert werden. Nasrin Sotoudeh, der mutigen Menschenrechtsanwältin und Frauenrechtsaktivistin, die zu 11 Jahren Haft verurteilt wurde, ist es nicht erlaubt, ihre 4 und 12 Jahre alten Kinder persönlich zu treffen.

Narges Mohammadi, Mutter von vierjährigen Zwillingen, leidet nach der Haft an Nervenlähmungen. Obwohl sie pflegebedürftig ist, verhaftete man ihren Ehemann Taghi Rahmani und brachte ihn ins Gefängnis, ohne dass sie die geringste Nachricht von seinem Aufenthaltsort oder seinemZustand erhalten hätte.

Zwei junge Frauen, Bahareh Hedayat und Mahdiye Golrou, sitzen zurzeit in Isolationshaft.

Haleh Sahabi, die iranische Mutter des Friedens, hat man zu 2 Jahren Haft verurteilt. Sie befindet mit starkem Diabetes im Gefängnis.

Fakhri Mohtashamipour ist eine Mutter, die nur deshalb inhaftiert wurde, weil sie den politischen Reformern angehört.

Andere Mütter werden wegen ihrer Gesinnung eingesperrt, wie beispielsweise die Baha’i-Anhängerinnen Fariba Kamalabadi und Mahvash Sabet.

Die pensionierte Lehrerin Aaliyeh Eghdamdoust, die zu Recht als Mutter aller iranischen Kinder gilt, befindet sich seit über 3 Jahren ohne Hafturlaub im Gefängnis.

Der Mutter und der Ehefrau des couragierten Gewerkschaftsführers Mansur Osanloo ist es sogar nach viereinhalb Jahren nicht gelungen, einen Tag Hafturlaub für ihn zu bekommen, obwohl ihm der Gefängnisarzt aufgrund seiner Herzkrankheit Haftverschonung verordnet hat.

Viele Gefangene hat man ohne Benachrichtigung von Anwalt und Familie hingerichtet und sich sogar geweigert, ihre Leichen den Müttern zu übergeben. Sie durften auch keinerlei Trauerfeiern abhalten.

Unter den Hingerichteten der vergangenen zwei Jahre waren zwei Frauen, Shirin Alam Houli und Zahra Bahrami, die aufgrund imaginärer Anklagen hingerichtet wurden, aus Rache an den Frauen, die gegen die Wahlergebnisse protestiert hatten.

Viele Gefangenen sind zum Tode verurteilt. Zur Verhinderung ihrer Hinrichtung benötigen sie die Unterstützung freiheitsliebender Menschen und der Menschenrechtsorganisationen.

All dies sind nur Beispiele für das Leid der Mütter unseres Landes. Wir aber werden nicht schweigen und wie Mutter Behkish, deren sechs Kinder in 32 Jahren der islamischen Herrschaft Opfer des Strebens nach Freiheit und Gerechtigkeit wurden, und wie andere Mütter ihrer Art standhaft bleiben und unsere Forderungen nachdrücklich vertreten. Wir bitten Amnesty International, alle Menschenrechtsorganisationen und die freiheitsliebenden Menschen der Welt um Unterstützung für unsere Forderungen.