Als am vergangenen Samstag im Großraum Teheran die Fensterscheiben klirrten, glaubten die Bewohner der Hauptstadt zunächst, es handele sich um ein Erdbeben oder sogar einen militärischen Angriff. Tatsächlich war aber „nur“ ein rund 40 km westlich gelegenes Waffendepot explodiert, gut sichtbar an der kilometerweit sich auftürmenden Rauchsäule.

Die Berichterstattung über diese Explosion verrät viel über die Nervosität und chaotische Lage der Islamischen Republik, besonders nach Veröffentlichung des IAEA-Berichts zum iranischen Atomwaffenprogramm und den Kriegsdrohungen Israels.

Ersten Meldungen iranischer Websites zufolge waren ein Flüssiggaslager bzw. eine Milchfabrik betroffen. Wenig später aber stellte Fars News klar, die Explosion habe sich bei Transportarbeiten in einem Munitionsdepot der IRGC nahe Malard ereignet. Das Organ der Revolutionsgarden sprach von einem Unfall und bestritt prompt jeglichen Zusammenhang mit einem Nukleartest. Sämtliche iranische Medien haben seither einen Sabotageakt ausgeschlossen. Der Journalist Hassan Fathi, der diese Option gegenüber BBC Persian erwähnt hatte, wurde umgehend verhaftet.

Anfangs hatte die Abgeordnete Fatemeh Alia, zugleich Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats, noch erklärt, es habe keinerlei Opfer gegeben. Als sich auch dies als Falschmeldung erwies, rückten die Revolutionsgarden mit den Opferzahlen heraus: Zunächst 15, dann 27, und schließlich doch nur 17 Tote und 16 Verletzte – angeblich wegen einer unleserlichen Faxnachricht. Die Meldung von bis zu 40 Toten wurde nicht bestätigt.

Abgesehen von den widersprüchlichen Opferzahlen herrscht weiter Unklarheit über die Anzahl der Explosionen (der Abgeordnete Hossein Garroussi hatte zwei gemeldet), und über die Art des betroffenen Militärstützpunkts. Laut Rooz Online besteht dieser aus einer Raketenbasis mit angrenzendem Trainingszentrum für Wehrpflichtige. Da zu den Toten auch General Hassan Moghaddam, ein ranghoher Raketenexperte der Revolutionsgarden, zählt, dürfte es sich in Wahrheit um einen Stützpunkt für Mittelstreckenraketen vom Typ Shahab handeln.

Es fragt sich natürlich, weshalb ein ranghoher General routinemäßige Transportarbeiten beaufsichtigte und dabei so kläglich versagte, aber damit sind noch alle Aspekte dieser Katastrophe beleuchtet. Am Sonntag wurde der Sohn des ehemaligen Revolutionsgardisten und Präsidentschaftskandidaten Mohsen Rezaie unter ungeklärten Umständen tot in einem Hotelzimmer in Dubai aufgefunden.

Mohsen und Ahmad Rezaie

Der Revolutionsgardist gilt als entschiedener Gegner Ahmadinedjads, sein Sohn hatte 1998 nach der Flucht in die USA zum Sturz der Islamischen Republik aufgerufen, durfte aber später wieder nach Iran zurückkehren. Rezaies Website Tabnak bezeichnet diesen Todesfall nicht nur als „mysteriös“, sondern verbindet ihn direkt mit den 17 „Märtyrern“ der Explosion auf dem Raketenstützpunkt.

In welcher Beziehung stand General Moghaddam zu Mohsen Rezaie? War sein Tod am Ende doch kein „Unfall bei Transportarbeiten“, sondern das Ergebnis gezielter Sabotage einer feindlichen Gruppierung innerhalb der Revolutionsgarden? Oder war dieser „Unfall“ ein willkommener Vorwand für die Schergen Ahmadinedjads, den Sohn eines verhassten Gegners aus dem Weg zu räumen?

Nachtrag: Ein Informant der Revolutionsgarden berichtet von mindestens 100 Vermissten, die wegen der Wucht der Explosion noch nicht identifiziert werden konnten. Außerdem sei die Detonation nicht durch Munitionstransporte, sondern durch entzündeten Festtreibstoff (zum Antrieb von Raketen) verursacht.

Update vom 16. November: Der regimekritischen Website Digarban zufolge ist die Anzahl der Opfer inzwischen auf 36 Personen gestiegen, basierend auf offiziellen Namenslisten regimetreuer Medien wie IRNA, Fars News und Mehr News.